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www.rundertisch.ch  ·  Jubiläum 10 Jahre Runder Tisch  ·  Bericht Vortrag und Podium, Zürich, 2. 11. 2014

Bericht Vortrag und Podium: "Herausforderung und Verantwortung:
Der Umgang der Religionen mit ihren Fundamentalisten"

Interreligiöses Podium sorgt für volles Haus

Die Frage nach dem Umgang der Religionen mit ihren Fundamentalisten sorgte am 2. November in Zürich trotz lauem Spätsommerabend für ein volles Haus. Eingeladen zu diesem Anlass hatte der interreligiöse runde Tisch im Kanton Zürich anlässlich seines zehnjährigen Jubiläums. Über 150 Leute aus verschiedensten Kulturen und Religionen lauschten gespannt dem brillanten Vortrag von Susanne Heine und der anschliessenden interreligiösen Podiumsdiskussion. Erst bei Abschluss der Veranstaltung nach beinahe drei Stunden wurde vielen Besuchern bewusst, dass in der spannenden Auseinandersetzung die Zeitplanung in den Hintergrund gerückt war. Ein kleines, sympathisches Detail am Rande: statt Snacks oder einem Apéro standen auf jedem Tisch Wasser und Brot bereit, Grundlagen des Lebens, deren Teilen Frieden und Gemeinschaft bedeuten.

Susanne Heine war als Referentin ein Glücksgriff: Sie lehrt als Universitätsprofessorin für Praktische Theologie und Religionspsychologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Als ehemalige Professorin an der Universität Zürich genoss sie an diesem Abend auch eine Art Heimspiel. Verschiedene renommierte Preise würdigten in den letzten Jahren ihren nationalen und internationalen Dialog für interreligiöse Verständigung.

Gleich mit dem Einstieg ins Impulsreferat provozierte Heine, indem sie klar definierte, dass Traditionsbewusste, die einen frommen Lebenswandel pflegen nicht schon Fundamentalisten sind. Andrerseits wies sie darauf hin, dass auch aufgeklärte Geister nicht notwendigerweise frei sind von einem fundamentalistischen Kampfgeist. Ausgehend von den Grundspannungen zwischen den bewegten Anfängen jeder Religion, die über Lehre und Traditionen langsam erstarrten, spannte sie den Bogen hin zu neuzeitlichen Umbrüchen politischer, geistiger und theologischer Entwicklungen.

Dem Phänomen Fundamentalismus näherte sich die Referentin über einen sozialpsychologischen Zugang, der die Verschränkung von gesellschaftlichen und psychischen Dynamiken möglichst distanziert zu verstehen versucht. Hinter der „Zelt-Mentalität“ ortete sie das Gefühl der Bedrohung der eigenen Religiosität, welche zu einem Rückzug in einen geschützten und abgeschlossenen Raum führt. In der scharfen Abgrenzung der verschiedenen Welten wächst das als Bedrohung wahrgenommene Szenario, das sich bis ins Hass und Aggression steigern kann. Als Abwehrreaktion kennt der Fundamentalismus nur die Alternative von Tatsachen oder Legenden und zwar ohne jegliche Differenzierung. Mit dieser Engführung will Fundamentalismus der Unsicherheit und Unübersichtlichkeit entkommen. Weil auf komplexe Fragen einfache Antworten gegeben werden, lässt sich Fundamentalismus rasch mobilisieren, so Susanne Heine.

„Die Frage des Umgangs“ betonte Heine, „muss bei den Ursachen ansetzen und ist an die Kirchen und Religionsgemeinschaften gerichtet, aber auch an die Gesamtgesellschaft, da Fundamentalisten in der Regel keine Gesprächsbereitschaft zeigen.“ Die gesellschaftliche Verantwortung wies sie dem Unterbrechen des Kreislaufs zu, der sich gegenseitig negativ aufschaukeln kann. Antireligiöse Haltungen in öffentlichen Debatten reduzieren Religion auf Konflikte und „provozieren genau das, was sie verhindern wollen: eine fundamentalistische Reaktion.“ Susanne Heine warnte vor zunehmendem religiösen Analphabetismus und betrachtet religiöse Bildung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. „In einer pluralistischen Gesellschaft muss man viel voneinander wissen, um zu wissen, wer man selber ist.“ Deutlich rief sie auch zu konkreter politischer Verantwortung mit Augenmass auf und auf den Verzicht, Religion generell zu verunglimpfen. Die Referentin nahm auch die Religionen in Pflicht, indem sie daran erinnerte, dass es nicht um Wissen oder um Für-Wahr-Halten geht, sondern um erkennen.

Als Fazit brachte sie auf den Punkt: „Es kann nicht darum gehen, den Fundamentalismus zu verteufeln, denn er legt seine Finger in so manche Wunde, die verdient, ernst genommen zu werden. Haben die Kirchen und Religionen ihre Ursprünge an den Zeitgeist verkauft? Können Ungerechtigkeit und die Verletzung von Menschenwürde, wovon die Medien täglich berichten, einfach hingenommen werden? Fundamentalismus ist das Symptom einer Krise, schafft aber aufgrund seiner oppositionellen Verhaftung, sie sich aggressiver Rhetorik bis hin zu gewaltsamen Aktionen äussert, nur wieder neue Krisen. Die Frage nach dem Umgang mit anderen sollte durch eine weitere Fragen ergänzt werden: Worin besteht unser Anteil daran?“

In der anschliessenden Podiumsdiskussion nahmen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Impulse dankbar auf. In einer sehr direkten aber von Wertschätzung und tiefem Respekt diskutierten unter Moderation der Religionswissenschaftlerin Brigitta Rotach in der Runde Imam Bekim Alimi, Zen-Meister Marcel Geisser, Psychologe Mehmet Meral, Psychologin/Mediatorin Miriam Rosenthal-Rabner und Religionswissenschaftler Pfarrer Georg Schmid.

Einig waren sich die Diskussionsteilnehmer, dass der Kern des Problems in der eigenen Egozentrik liegt und deshalb jeder bei sich selber hinschauen und beginnen muss. Über eine erhöhte Fähigkeit zur Selbstkritik führt der Weg hin zu mehr Wissen über deBericht: Arnold Landtwingn anderen. „Denn“, so Rosenthal-Rabner „ der Feind ist einer, dessen Geschichte wir nicht gehört haben.“

Bericht: Arnold Landtwing